Verhältniss der Psychologie zu den übrigen philosophischen Disciplinen [Rapport de la psychologie aux autres disciplines philosophiques], Lehrbuch der Psychologie vom Standtpunkt des Realismus und nach genetischer Methode, Bd. 1, § 8, Cöthen, 1875 (2e édition), pp. 49-53.

Volkmann von Volkmar Wilhelm Fridolin, 1875

Nachdem von dem Verhältnisse der Psychologie zu der Philosophie überhaupt bereits (…) gehandelt worden ist, wollen wir zum Schlusse dieser Einteilung noch die Stellung der Psychologie zu den einzelnen philosophische Discipline etwas näher ins Auge fassen. Wenn wir hierbei noch einmal auf die Beziehungen der Psychologie zur Metaphysik zurückkommen, so geschieht dies, um die allgemeine Bestimmung des Verhältnisses beider Wissenschaften auf den besonderen Fall ihres Verhaltens gemeinschaftlichen Problemen gegenüber anzuwenden. Dies tritt gleich gültig des Raumes und der Zeit ein. Für die Frage nach jenen Verhältnissen, in welchen die Wesen und deren Zustände an sich zu denken sind, und die Beantwortung der Frage liegt eben in dem Vollzuge dieses Denkprocesses selbst. Für die Psychologie aber sind Raum und Zeit nur psychische Phänomene, d; h. Formen, welche gewisse Vorstellungsreihen annehmen, und die ihre Lösung gleich allen psychologischen Problemen dadurch finden, dass sie auf gewisse Eigenthümlichkeiten der Vorstellungen zurückgeführt werden. Der Standpunkt beider Wissenschaften ist somit ein durchaus verschiedener, und zwar sowol was die Frage, als was die Art ihrer Beantwortung betrifft, denn die Metaphysik stellt sich mit ihrer Frage den wesen und Ereignissen gegenüber, die Psychologie nimmt ihre Stellung in Einem der wesen und zieht ihre Granzen innerhalb der Zustände dieses Wesens; die Metaphysik antwortet durch die Vornahme eine speculativen, die Psychologie durch den Nachweis eines historischen Processe. Dieses Verhältniss setzt sich noch weiter fort. Jene Begriffe wirklichen Seine und Geschehens welche ihrer innern Widersprüche wegen die Probleme der Metaphysik bestimmen, sind psychische Producte, deren gleichförmiges Vorkommen die Psychologie aus der Allgemeinheit ihren Entstehungsprocesses zu erklären hat: sie ist mit damit fertig, wenn die Erklärung dieser Genesis gegeben hat, d. h. wenn sie dort gelangen ist, wo die Metaphysik beginnt. Hiermit jedoch scheint uns eine neue Seite des Verhältnisses herauszustellen, die geeignet sein könnte, ein Gegenstück zu der bisher festgehaltenen Abhänge der Psychologie von der Metaphysik abzugeben. Wird der Nachweis des Entstehungsprocesses der widersprechenden Begriffe nicht sich allen schon genügen, deren Umgestaltung zu bewirken, und nicht wenigstens diese durch jenen wesentlich bedingt erscheinen? Ja ist es uns auch nur gestattet, nach dem Raum als objective Verhältnisse zu fragen, da der einzige Raum, den wir gegeben finden, eben nur unser räumliches Vorstellen ist? Allgemein ausgedrückt: alle Probleme der Metaphysik, die unmittelbar gegeben so wie die entfernteren, ja alle Begriffe der Metaphysik überhaupt sind psychische Producte, und das gesammte metaphysische Denken ist ein psychischer Process; die Metaphysik kann nur begriffen werden unter der Voraussetzung der Psychologie. Diese Abhängigkeitserklärung der Metaphysik von der Psychologie geht sogar noch um einen Schritt weiter. Da sich nämlich einerseits nicht erwarten lässt, dass, was auf allgemein gültige Weise entstanden ist, unerträgliche Widersprüche in sich enthalte, noch andererseits, dass das Denken, welches die widersprechenden Begriffe nothwendig erzeugt, auch den Widerspruch zu entfernen im Stande sein werde, so gewinnt es den Anschein, als enthielte der Nachweis der Entstehung des Begriffes zugleich die Rechtfertigung seines Inhaltes in sich. Ist aber dem so, dann fällt die Lösung des metaphysischen Problem mit der des psychologischen zusammen, oder was dasselbe heisst: die Psychologie scheint die Metaphysik überflussig zu machen. Die Behauptungen setzen wir, was erstlich die Begründung Metaphysik durch Psychologie betrifft, entgegen: dass wol in der in vielen Fällen unsere Kenntnis des Productes duch die Erkanntniss seines Entstehungsprocesses an Deutlicheit gewinnt, dass diese Beziehung aber weder allgemein gilt, noch, wo sie gilt, die Bedeutung einer Abhängigkeitserklärung der einen Erkenntniss von der andern an sich trägt. Wo es sich nämlich wie in der Metaphysik, um die Abwägung des logischen Werthes oder Unwerthes eines Gedankens handelt, da ist die Darstellung der psychologischen Genesis dieses Gedankens irrelevant, wie in der Aesthetik der Töne die Akustik. Die Begriffe der Psychologie sind selbst wieder psychische Phänomene und das psychologische Denken ist selbst ein psychischer Process; die Metaphysik aber warten heissen, bis die Psychologie ihre Aufgabe vollbracht hat, würde somit, auf die Psychologie selbst angewendet, zu dem Kreise führen: den Beginn der Psychologie von deren Beendigung anhängig machen. Die Metaphysik findet ihrer Aufgaben wie die Psychologie in dem unmittelbar Gegeben vor, und unmittelbar gegeben ist nur, was psychisch gegeben ist. Metaphysik durch Psychologie bedingen wollen, heisst also psychisch Gegebenes mit psychologisch Gegebenem verwechseln; Noch schlimmer steht es mit dem in Ansicht gestellten Aufgehen der Metaphysik in Psychologie, wenn man dafür kein anderes Argument anzuführen vermag, als das erwähnte. Auch durch einen ganz normalen, allenthalben gleichförmig wiederkehrenden Process können Auffassungen zu Stande kommen, die sich in der Folge als blosse Täuschungen herausstellen; jedes Capitel der Astronomie gibt dafür die schlagendsten Belege. Täuschungen dieser Art zu berichtigen, ist die Aufgabe der Metaphysik, und es kann dabei doch unmöglich anstössig erscheinen, dass das exacte geregelte Denken berufen wird, jene Widersprüche zu lösen, die nicht durch exactes Denken, sondern gerade durch den Mangel an exacten Denken entstanden sind. Was die Psychologie der Metaphysik in dieser Beziehung leisten könnte, wäre höchstens der Nachweis der psychologischen Gültigkeit der Probleme, aber diese Gültigkeit wird nicht angezweifelt, sondern sie gerade steht fest der logischen Gültigkeit gegenüber, weil eben aus dem Conflicte beider die metaphysische Speculation ihren Ursprung nimmt. Die metaphysische Speculation ist wol eine Recontruction der Begriffe gerichtet, aber diese Reconstruction muss in einer Weise geschehen, welche die psychologische Gültigkeit nicht der logischen zum Opfer bringt, und die eben darum keiner Rechtfertigung vor der Psychologie bedarf. So lange die Metaphysik die Güligkeit jener Begriffe anerkennt, deren Entwicklung mit zu den Problemen der Psychologie gehört, ist sie von der Psychologie unabhängig, sobald sie aber, um ihre speculativen Principe zu rechtfertigen, psychologische Phänomene fingirt, deren Erklärung sie der Psychologie zuweist, verfällt sie in Wirklichkeit in ein Abhängigkeitsverhältniss zu der Psychologie, welches auch damit nicht beseitigt wird, dass sie dergleichen Phänomenen die psychologische Erklärbarkeit geradezu abspricht. Fasst man diesen Punkt scharf ins Auge, dann könnte man sich leicht bestimmt finden, gerade den Dienst, den die Psychologie der Metaphysik in negativer Beziehung zu leisten vermag, weit höher anzuschlagen, als Alles, was bezüglich der positiven Betheiligung der Psychologie an den Aufgaben der Metaphysik in Aussicht gestellt worden ist: man erinnere sich nur der Rolle, welche die angeborenen Begriffe, die transcendentale Freiheit, das reine Denken, die intellectuelle Anschauung gespielt haben. Scheidet sich auf diese Weise die Psychologie von der Metaphysik, durch die Verschiedenheit der Standpunkte bei gleichem Gegenstande, so nähert sie sich durch die Gleichheit des Standpunktes bei verschiedenen Gegenständen der Naturphilosophie an. Kann nämlich die Naturphilosophie den Gedanken innerer, intensiver Zustände jener Wesen, aus denen die Materie zuletzt besteht, nicht zurückweisen, dann bieten die elementaren Zustände der Seele die unabweisbare Analogie dar, da uns ausser diesen überhaupt gar keine anderen Zustände bekannt sind. Ob diese Analogie weiterhin auch das Verhältnis der Psychologie zur Religionsphilosophie zu bestimmen im Stande sei, können wir hier füglich dahingestellt sein lassen. Geschieht die Berührung der Metaphysik mit der Psychologie auf der Seite der Probleme, so berühren sich Psychologie und Aesthetik in den Principien dieser letzteren. Denn die Principien der Aesthetik in den Principien sind die ästhetische Urtheile, die ihrerseits wieder ein höchst interessantes psychologisches Problem abgehen. Für die Aesthetik ist das ästhetische Urtheil die Form, in der die unbedingte Werthbestimmung zum Bewusstsein kommt, also ein Factum, das, wie es immer zu Stande gekommen sein mag, der Aesthetik ihre Berechtigung sichert; der Psychologie fällt die Aufgabe zu, das ästhetische Urtheil als Phänomenen auf seine Bestandtheile zurückzuführen und aus diesem zu entwickeln. Wie diese Zurückführung des ästhetischen Urtheils immer ausfallen mag, dem erkenntnisstheoretischen Werthe desselben vermag sie weder etwas hinzufügen, sich zu entziehen, denn wenn man in alter wie neuer Zeit eine Vertiefung der Ethik von der Zurückführung des Menschenwerthes auf das innerste Wesen und Thun des Menschen erwartet hatte, so kann man damit schliesslich doch nur entweder zu Umsetzung ethischer Forderungen in psychologische Fictionen, welche die Psychologie, oder zu Erhebungen psychischer Vorgänge zu ethischen Werthen, welche die Ethik nicht gelten lassen konnte. Von der Logik endlich ist die Psychologie sowol nach der Grenzlinie der Principien als der Probleme geschieden. Die Ausgangspunkte der Logik sind gewisse ideale Voraussetzungen, welche zwar gleichsam in der Richtung der wirklichen Denkens liegen, mit denen aber gleichwol das Gebiet dessen, was in der Seele wirklich geschieht, überschritten wird. Die Aufgabe der Logik besteht in der Darstellung jener Gesetzte, denen das Denken seine Richtigkeit in formaler Beziehung verdankt. Die Psychologie hingegen kennt den Unterschied zwischen richtigem und unrichtigem Denken eigentlich gar nicht, weil ihr das Denken eben nur als Process gilt, der aus seinen Voraussetzungen notwendig hervorgeht, und somit niemals ist, wie er sein soll weil er jedesmal ist, wie er sein muss. Es erscheint demnach der Unterschied beider Wissenschaften nicht erschöpfend bestimmt, wenn man wie es gewöhnlich der Fall ist, der Psychologie den Denkprocess, der Logik die Denkproducte zuweist: es zeigt aber von gänzlicher Verkennung des idealen Charakters der Logik, wenn man sie als Naturgeschichte des Denkens bezeichnet, wie dies in neuerer Zeit einige Mal geschehen ist. Wir werden in dem Hauptstücke über das Denken Gelegenheit finden, hierauf ausführlich zurückzukommen.

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