"Einfühlung, innere Nachahmung, und Organempfindungen" [Empathie, imitation intérieure et sensations organiques], Archiv für die gesamte Psychologie, 3, Heft 2-3, 1903, 185-204.

Lipps Theodor, 1903

Ich ziele im folgenden auf die Einfühlung überhaupt. Aber ich rede lediglich von der Einfühlung in bestimmte Gattungen von Objekten, speziell von der Einfühlung in Bewegungen, Stellungen, Haltungen des Menschen, des wirkliche, oder des, etwa plastisch, dargestellten; weiterhin auch in Formen der Architektur.

Der ästhetische Genuss ist das im Einzelnen Falle so oder so, bei jedem neuen ästhetischen Objekt immer anders und anders, gefärbte Gefühl der Freude oder der Lust, das ich angesichts des ästhetischen Objektes habe. Dabei ist das „ästhetische“ Objekt“ allemal ein Sinnliches, d.h. ein sinnlich Wahrgenommenes oder Vorgestelltes; und es ist nur dies. Ich habe ein Lustgefühl angesichts eines schönen Objektes, dies heisst: Ich habe dasselbe angesichts des sinnlich Wahrgenommen oder Vorgestellten, als welches mir das schöne Objekt unmittelbar entgegentritt. Ich habe es, indem ich dies betrachte, d.h. darauf achte, es apperzipiere. Nur die sinnliche Erscheinung des ästhetischen Objektes, z. B. des Kunstwerkes, wird aber in der ästhetischen Betrachtung „betrachtet“. Sie allein ist der „Gegenstand“ des ästhetischen Genussees; sie ist das Einzige, das mir dabei als etwas von mir Unterschiedenes „gegenübersteht“, und auf das ich mich und mein Lustgefühl „bezogen“ finde. Indem ich mich darauf bezogen finde, fühle ich mich zugleich lustgestimmt oder erfreut, kurz, geniessend.

Eine ganz andere Frage, als die nach dem „Gegenstand des ästhetischen Genusses, ist die Frage ach dem Grunde desselben. So gewiss die sinnliche Erscheinung des schöne Objektes der Gegenstand des ästhetischen Genusses ist, so gewiss ist sie nicht der Grund desselben. Sondern Grund des ästhetischen Genusses bin ich, oder ist das Ich; nämlich genau dasselbe Ich, das ich „angesichts“ des Gegenstandes, oder ihm „gegenüber“ lustgestimmt oder erfreut fühle.

Damit ist zunächst gesagt, dass ich mich nicht nur lustgestimmt oder erfreut, sondern gleichseitig auch anders bestimmt fühlen kann. Daran aber ist kein Zweifel. Ich fühle mich unter anderem strebend oder wollend, mich anstrengend oder bemühend, ich fühle mich in solcher Anstrengung oder Bemühung Hemmnisssen standhaltend oder sie überwindend, vielleicht auch ihnen nachgebend, ich fühle mich ein Ziel erriechend oder fühle mein Streben oder Wollen sich befriedigend fühle die Bemühung gelingend. Ich fühle mit einem Wort ein Mannigfaches „inneres“ Tun.

Und ich fĂĽhle mich in allem dem kraftvoll, leicht, sicher, elastisch, vielleicht stolz u. dergl.

Und eine solche Weise nun, mich zu fühlen, ist jederzeit der Grund des ästhetischen Genusses.

Dieser Grund steht, wie man sieht, eigentümlich in der Mitte zwischen dem „Gegenstand“ des ästhetischen Genusses und diesem selbst. Betonen wir erst dies: Die soeben bezeichneten Gefühle haben nicht ebenso, wie der Genuss, das schöne Objekt zum Gegenstand. Ich fühle mich in der ästhetischen Betrachtung des schönen Objektes etwa kraftvoll tätig, oder frei, oder stolz. Dann fühle ich mich nicht kraftvoll tätig etc. angesichts des Objektes oder ihm gegenüber. Sondern ich fühle mich so in ihm.

Ebenso wenig aber ist dies Gefühl der Tätigkeit Gegenstand des Genussses d; h. der Lust am schönen Objekt. So gewiss ich Lust fühle angesichts des sinnlichen Gegenstandes, den ich als schön bezeichne, an gewiss fühle ich nicht Lust an dem erlebten Tun, der Kraft usw. oder angesichts des Tuns, der Kraft usw. Dies Tun ist nicht gegenständlich. Es ist nicht etwas das mir gegenübersteht. So wie ich mich tätig fühle gegenüber dem Objekt, sondern in dem Objekt, so fühle ich nicht Lust gegenüber dem Tun, sondern in ihm. Ich fühle mich in ihm glücklich oder beglückt.

Gewiss kann mir mein eigenes Tun gegenständlich werden, nämlich wenn es nicht mehr mein gegenwärtiges Tun ist, sondern ich es rückschauend betrachte. Dann ist es eben nicht mehr erlebt, sondern nur vorgestellt. Und damit ist es gegenständlich. Und nun kann dies vorgestellte Tun oder allgemeiner dies vorgestellte Ich auch Gegenstand meiner Lust sein. Indessen davon ist hier keine Rede. Es handelt sich in diesem Zusammenhang einzig um das erlebte Tun. Es handelt sich ebenso einzig um das erlebte gelingen, die erlebte Kraft, Freiheit usw.

Das Wort „Gegenstand“ der Lust ist hier völlig scharf genommen. Vielleicht nimmt man es weniger scharf. Vielleicht nennet man „Gegenstand“ der Lust das, „woran“ ich Freude habe, und versteht unter diesem das, worauf die Lust bezogen, und was zugleich Grund der Lust ist.

Dann kann auf die Frage nach dem Gegenstand der ästhetischen Lust in doppelter Weise geantwortet werden. Einmal kann man sagen: Die ästhetische Lust hat gar keinen Gegenstand. Der ästhetische Genuss ist nicht gegenständlicher Genuss, sondern Selbstgenuss. Esist unmittelbares Selbstgefühl. Dies aber ist kein auf einen Gegenstand gezogenes Gefühl. Vielmehr besteht seine Eigenart eben darin, dass in ihm keine Scheidung stattfinden zwischen dem erfreuten Ich, und dem, woran ich Freude habe; dass in ihm dies beides ein und dasselbe unmittelbar erlebte Ich ist.

Anderseits aber kann man darauf hinweisen, dass doch im ästhetischen Genuss dies Selbstwertgefühl objektiviert sei. Ich fühle mich, wenn ich die kraftvoll, stolz, frei vor mir stehende menschliche Gestalt betrachte, nicht kraftvoll, stolz, frei, überhaupt oder an meiner Stelle, in meinem Körper, auf meine Kosten, sondern ich fühle mich so in der betrachteten Gestalt, und nur in ihr.

Und demgemäss kann ich nun doch auch sagen: Der ästhetische Genuss hat einen Gegenstand in dem hier vorausgesetzten Sinne, d.h. er hat einen Gegenstand, der zugleich Grund desselben ist. Ich kann diesen Gegenstand sogar doppelt bezeichnen. Einmal: der fragliche Gegenstand ist das kraftvolle, stolze, freie ich; aber nicht als solches, sondern, sofern es objektiviert, d.h. an das sinnlich Wahrgenommene, die gesehene Gestalt, gebunden ist. Und zum anderen: der Gegenstand des ästhetischen Genuss ist dies sinnlich Wahrgenommenen, diese gesehene Gestalt; aber nicht als solche, sondern sofern ich darin mich, dies kraftvolle, stolze, freie Ich finde fühle, erlebe.

Damit ist die spezifische Eigenart des ästhetischen Genusses bezeichnet. Sie besteht darin, dass dieser Genuss Genuss ist eines Gegenstandes, der doch, eben sofern er Gegenstand des Genusses ist, nicht Gegenstand ist, sondern ich; oder, dass er Genuss ist des Och, das doch, sofern es ästhetisch genossen wird, nicht „ich“ ist, sondern gegenständlich.

Dies alles nun liegt im Begriffe der „Einfühlung“. Vielmehr es macht den Sinn dieses Begriffes aus. Die Einfühlung ist die hier bezeichnete Tatsache, dass der Gegenstand Ich ist, und ebendamit das Ich Gegenstand. Sie ist die Tatsache, dass der Gegensatz zwischen mir und dem Gegenstand verschwindet, oder, richtiger gesagt, noch nicht besteht.

Wie ist die Einfühlung möglich? Die Beantwortung dieser Frage setzt die volle Klarheit über den absoluten Gegensatz zwischen Empfindungsinhalten einerseits, und unmittelbar erlebten Ichqualitäten oder Gefühlen anderseits, woraus. Dieser Gegensatz soll aber hier nur nach einer Seite betrachtet werden.

Ich empfinde eine Farbe. Diese Farbe gehört einem sinnlich wahrgenommenen Gegenstand an. Oder ich empfinde Hunger und Durst? Diese Empfindungsinhalte gehören meinem Körper. An. Sie werden empfunden als Bestimmtheiten dieses sinnlich wahrgenommenen Dinges, als ein Bestanteil desselben.

Anders das Tun oder die Tätigkeit, das Streben, sich Bemühen, Gelingen, das ich fühle. Dies gehören dem Ich an, vielmehr sie sind dasselbe; oder konstituieren es: ich fühle mich tätig; Sie gehören schlechterdings zu keinem sinnlich wahrgenommenen oder vorgestellten, kurz zu keinem gegenständlichen Objekt.

Ebendeswegen aber können diese Ichqualitäten zu jedem sinnlichen Objekte gehören. Sie gehören, und es gehört mit ihnen das Ich, oder es gehört das Ich, und es gehören mit ihm diese Bestimmtheiten desselben, jedesmal demjenigen Objekte an, in dessen Betrachtung ich mich und diese Bestimmtheiten des ich fühle, und zugleich unmittelbar an dies Objekt gebunden finde; Diesen Sachverhalt, und damit den Sinn der Einfühlung, bestimmen wir aber etwas genauer.

Ich strecke meinen Arm aus oder halte meinen Arm ausgestreckt. Dabei fühle ich mich tätig, d.h. ich fühle mich strebend, mich bemühend und fühle meine Streben gelingend oder sich befriedigend.

Hier kann ich sagen: ich fühle mich tätig, strebend, mich bemühend, das Ziel erreichend, in meinem Arm. Aber diese Tätigkeit geschieht nicht in vollem Sinne im Arme d. h. sie ist nicht an die Betrachtung des Armes oder an den betrachteten Arm gebunden. Sondern sie ist gebunden an meine Laune, wenn ich aus Laune, an meine Zwecksetzung, wenn ich um irgend eines Zweckes willen den Arm strecke. Und die Laune oder die Zwecksetzung ist etwas von meiner Betrachtung des Armes, oder von mir, der, oder sofern ich in dem Arm betrachtend bin, Verschiedenes. Sie gehört meiner ausserhab des betrachtenden Ich stehended, oder gehört meiner „realen“ Persönlichkeit an.

Damit nun ist zugleich, dass in diesem Falle mein Tun nicht im vollen Sinne dem ausgestreckten Arm „zugehört“. Es ist in gewisser Weise, aber nicht ästhetisch, in ihm eingefühlt.

Jetzt ändern wir die Situation. Mein Arm sei eine Zeitlang frei angestreckt. Dann fühle ich ein Streben, einen Antrieb, eine „Nötigung“, ihn sinken zu lassen. Dies Streben stammt aus dem Arm. Ich fühle es als aus ihm oder seiner gestreckten Lage herkommend. Es liegt also darin, oder liegt darin begründet. Auch hier ist das Streben mein Streben. Aber eben diese mein Streben fühle ich im Arm. Ich sage darum auch: der Arm strebt herab.

Und sinkt der Arm, dann verwirklicht sich dies Streben des Armes. Das Sinken ist also seine Tätigkeit.

Komplizieren wir hier die Bedingungen: Auf der ausgestreckten Hand liegt ein Stein. Jetzt fühle ich das Streben – das auch hier „mein“ Streben bleibt – als herkommend von dem Druck des Steines oder dem Stein, der dien Druck ausübt. Demgemäss sehe ich jetzt: Der Stein strebt. Und fällt er, so ist dies Fallen eine eigene Tätigkeit des Steines Er fällt aus eigner „Kraft“.

Mit diesen beiden Fällen nun sind wir der ästhetischen Einfühlung näher gerückt. Aber wir sind nicht bei ihr angelangt. Bleiben wir speziell beim ersten Falle. Auch hier ist ein Streben nicht durchweg Sache des Armes. Ich kann nicht sagen: Idem ich den Arm und seine gestreckte Lage betrachte, ergibt sich für mein Bewusstsein, einzig daraus, das Streben. Sondern dasselbe stammt auch wiederum aus etwas völlig Anderem nämlich aus der Art, wie mich die dauernde Streckung des Armes affiziert, aus meinem Gefühl Unbequemlichkeit. Und dies ist wiederum ein vom betrachteten Objekt und dem betrachtenden ich verschiedenes Moment. Das Streben ist, soweit es daraus stammt, nicht sowohl im Arm begründetet als in mir motiviert. Es ist nicht mein Streben im Arm, sondern mein Streben angesichts des Armes, oder mein auf dem Arm von aussen her gerichtetes Streben.

Und gleichartiges gilt von dem Strecken des Steines.

Nunmehr aber ersetze ich den eigenen Arm durch den Arm eines Anderem. Ich sehe einen fremden Arm gestreckt. Die Art der Streckung habe etwas fĂĽhlbar Frieses, Leichtes, Sicheres, Stolzes. Oder reden wir allgemeiner. Ich sehe einen Menschen kraftvolle, leichte, freie, vielleicht kĂĽhne Bewegungen irgendwelcher Art ausfĂĽhren. Dieselben seien Gegenstand meiner vollen Aufmerksamkeit.

Jetzt fühle ich wiederum ein Streben. Und ich verwirkliche vielleicht dies Streben. Ich ahme die Bewegungen an. Dann fühle ich mich tätig; ich fühle die Bemühung, das Standhalten des Hindernissen gegenüber, die Überwindung, das Gelingen. Ich fühle dies alles wirklich. Ich stelle mir nicht etwa bloss dergleichen vor.

Dabei sind aber wiederum zwei Möglichkeiten. Die Nachahmung kann einmal eine willkürliche sein: ich möchte vielleicht auch das Gefühl der Freiheit, der Sicherheit, des Stolzes haben, das der Andere hat.

In Diesem Falle habe ich mich von der ästhetischen Einfühlung wiederum weit entfernt. Unmittelbarer Grund meines Strebens und uns hier ist nicht de gesehene Bewegung, sondern dieser Wunsch. Und auch dieser Wunsch ist wiederum etwas ausserhalb des gesehene Armes und des bloss betrachtenden Ich Stehendes.

Nun nehmen wir aber endlich an, die Nachahmung sei eine unwillkürliche. Dies wird sie um so mehr sein, je mehr ich betrachtend der gesehenen Bewegung hingegeben hin. Und umgekehrt, je mehr die Nachahmung unwillkürlich geschieht, desto mehr bin ich betrachtend ganz in der gesehenen Bewegung. Bin ich nun aber der Betrachtung der Bewegung völlig hingegeben, so bin ich eben damit völlig dem entrückt, was ich tue, d. h. den Bewegungen, die ich tatsächlich aufführe, den Vorgängen in und an meinem Körper; ich weiss nichts mehr von dieser meiner äusserer Nachahmung.

Dabei bleibt doch das Streben und Tun für mein Bewusstsein bestehen; es bleibt das Gefühl des Strebens der Bemühung, der inneren Arbeit, des Gelingens. Es bleibt das Bewusstsein der „inneren Nachahmung“.

Diese innere Nachahmung geschieht nun aber für mein Bewusstsein einzig in dem gesehenen Objekt. Das Gefühl des Strebens, der Bemühung, des Gelingens, ist für mein Bewusstsein nicht mehr an meine Bewegung, sondern lediglich an die objektive, d; h. die von mir gesehene Bewegung, oder an der Körper, an dem ich sie wahrnehme, gebunden.

Dies genĂĽgt aber nicht. Mein inneres Tun ist bei dieser Nachahmung in einem doppelten Sinne auschliesslich an das gesehene Objekt bebunden. Einmal: - Das Tun, das ich fĂĽhle, erlebe ich als ganz und gar stammend aus der Betrachtung der gesehenen Bewegung. Es knĂĽpft sich daran unmittelbar und mit Notwendigkeit; und es knĂĽpft sich einzig daran.

Und zum Anderen: - Es hat zum Gegenstand nicht meine von der gesehenen verschiedene, sondern einzig diese gesehene Bewegung. Ich fühle mich tätig in dieser Bewegung oder der Gestalt, welche die Bewegung vollbringt, und fühle mich in ihr eben diese Bewegung erstrebend und vollbringend. Das letzte kann nicht anders sein, das es ja unter der gemachten Voraussetzung für mein Bewusstsein eine andere als die gesehene Bewegung gar nicht gibt.

Mit einem Wort, ich bin jetzt mit meinem Gefühl der Tätigkeit ganz und gar in der sich bewegende Gestalt. Ich bin auch räumlich, soweit von einer Räumlichkeit des Ich die Rede sein kann, an ihrer Stelle. Ich bin in sie hinein versetzt. Ich bin, für mein Bewusstsein nämlich, ganz und gar mit ihr identisch.

Indem ich so in der gesehenen Gestalt mich tätig fühle, fühle ich mich zugleich in ihr frei, leicht, stolz. Dies ist ästhetische Nachahmung. Und diese ist zugleich ästhetische Einfühlung.

Hierbei liegt aber Nachdruck auf der für mein Bewusstsein bestehenden „Identität“. Diese muss absolut streng genommen werden.

In der willkĂĽrlichen Nachahmung sehe ich einerseits die Bewegung, und weiss von der Art, wie diejenige, der sie ausfĂĽhrt, sich darin fĂĽhlt. Ich habe von dem Tun, das der Andere fĂĽhlt, und der Freiheit, dem Stolz, eine Vorstellung. Andererseits erlebe och meine Bewegung und fĂĽhle mein Tun und meine Freiheit, meinen Stolz usw.

Dagegen ist in der ästhetischen Nachahmung dieser Gegenstand absolut aufgehoben. Dieses ist schlechterdings Eines. Jene blosse Vorstellung besteht nicht mehr; mein tatsächliches Fühlen ist an die Stelle desselben getreten. Ebne dadurch geschieht es, dass ich mich in der fremden Bewegung diese Bewegung vollbringend fühle.

Mit dieser „ästhetischen Nachahmung“ scheint ein Sachverhalt gegeben, analog demjenigen, der bei der nicht nachahmenden eigenen Bewegung vorliegt. Der Unterschied scheint nur der, dass ich jetzt das Bewusstsein habe, ich erlebe und voll bringe eine Bewegung, die tatsächlich, und für die nachfolgende Reflexion, Bewegung eines Anderen, ist.

Aber Hierbei wäre der wesentlichste Unterschied übersehen. In beiden Fällen ist mein inneres Tun. – mein Streben und Vollbringen, d. h; die erlebte Befriedigung des Strebens – mein Tun. Aber es ist nicht in beiden Fällen das Tun desselben ich. Es ist dort, bei der nicht nachahmenden Bewegung, das Tun meines realen Ich, d; h. meiner Gesamtpersönlichkeit, so wie jetzt tatsächlich geartet ist, mit ihren Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken, Gefühlen, vor allem mir dem Motiv oder inneren Anlass aus welchem die Bewegung hervorgeht.

Dagegen ist in der ästhetischen Nachahmung das Ich ein ideelles. Dieser Ausdruck ist missverständlich. Auch dies „ideelle“ och ist real. Aber es ist nicht das reale praktische Ich. Es ist das betrachtende und in der Betrachtung des Objektes weilende und aufgehende ich. Es ist also ein ideelles Ich, nicht an sich oder seiner Beschaffenheit nach, sondern hinsichtlich seiner Betätigung. Es ist ein Ich, das nicht zu irgend etwas in realen Beziehungen steht, sondern das in dieser ideellen Beziehung, der Betrachtung der nachgeahmten Objektes, aufgeht.

Und diesem ideellen, d. h. diesem betrachtenden Ich eignet in der ästhetischen Nachahmung das Tun: Indem ich mich in dem Objekte betrachtend finde, fühle ich mich, dies betrachtende Ich, tätig, strebend, sich bemühend, das Erstrebte vollbringend.

Und wie das betrachtende Ich, so sind auch diese seine Bestimmungen real. Man kann das Tun, wenn man will, ein „gedankliches“ nenne. Dann hütte man sich doch, dies gedankliche Tun mit einem nur Gedachten oder nur vorgestellt zu verwechseln.

Ich stelle mir dies Tun so wenig bloss vor, als ich mir mein betrachten nur vorstelle. Es ist ein gedankliches Tun nicht im Gegensatz zum realen, sondern zum praktischen Tun.

Die ästhetische Nachahmung war im Vorstehenden noch gedacht als eine nicht nur innere, sondern zugleich äussere: ich vollziehe die gesehene Bewegung tatsächlich Es kann aber auch dieser äussere Vollzug der Bewegungen unterbleiben.

Dafür gibt es allerlei Gründe, z. B. die Rücksicht auf den Gegenstand. Vor allem aber wirkt der Ausführung der Bewegungen di praktische Sinn- und Zwecklosigkeit, event. auch die tatsächliche Unausführbarkeit derselben entgegen.

Ich betrachte etwa einen Tanz, der auf der Bühne getanzt wird, von meinem im Zuschauerraum befindlichen Sitze aus. Dann ist es einestheils unmöglich, dass ich mittanze, zum anderen will ich jetzt gar nicht tanzen; ich bin innerlich nicht darauf engestellt. Meine gesamte tatsächliche, äussere und innere Verfassung lässt meine körperlichen Bewegungen nicht zu stande kommen. Damit ist doch das innere Tun, das Streben und das sich Befriedigen desselben in der Betrachtung der gesehenen Bewegungen nicht aufgehoben.

Jedes Streben ist freilich seiner Natur nach ein Streben nach Verwirklichung des Erstrebten. Aber diese Verwirklichung fehlt ja hier nicht. Ich erlebe die tatsächliche Bewegung. Ich sehe sie vor mir. Freilich nicht als meine eigene. Aber dies eben das besondere der ästhetischen Nachahmung, dass dabei die fremde Bewegung an die Stelle der eigenen tritt.

Hierzu nun kann man sagen: Die Verwirklichung des auf eine körperliche Bewegung gerichteten Strebens bestehe doch nicht im Haben eines Gesichtsbildes der Bewegung sondern sie bestehe zunächst im Ereben von kinästhetischen Empfindungen, nämlich der Empfindung von Muskelspannung Gelenkreibungen usw., wie sie erfahrungsgemäss bei der Bewegung auftreten.

Diese Bemerkung beantworte ich durch eine Ergänzung oder genauere Bestimmung des bisher Gesagten.

Worin ein Streben sich befriedige, dies hängt allemal davon an, was eigentlich bei dem Streben das Erstrebte ist.

Bewegungen meines Körpers nun pflege ich nicht im ihrer selbst willen zu wollen oder zu erstreben. Sie sind Mittel zum Zweck. Dieser Zweck aber kann ein verschiedener sein.

Er kann einmal ein äusserer Zweck sein. Ich will etwa durch die Bewegungen mir ein körperliches Wohlgefühl verschaffen, oder ich will mich zu Schau stellen. Der Zweck einer Bewegung kann aber auch ein rein innerer sein: Was ich erstrebe, ist die innere Bewegung, die Selbstbetätigung, eine gesamte psychische Zuständigkeit oder Weise des psychischen Lebensablaufes, nämlich diejenige innere Bewegung, die Selbstbetätigung usw. die ich in der freien eigentätigen Ausführung der Bewegung erlebe oder würde. Hierbei liegt wiederum das Gewicht auf der Untersuchung der Selbstbetätigung einerseits, und der körperlichen oder peripherischen Vorgänge, in welchen die Bewegung werde ich inne in dem Tätigkeitsgefühl, dieser peripherischen Erlebnisse in Empfindungen, insbesondere in den kinästhetichen Empfindungen. Und diese beiden Arten von Ergebnissen sind nicht nur verschieden, sondern unvergleichbar, ja das Unvergleichbarste von der Welt.

In meiner eigenen freien Ausführung einer Bewegung nun sind diese beiden Momente, die im Gefühl sich kundgebende innere Tätigkeit, die Selbstbetätigung einerseits, und das peripherische Erlebnis andererseits, miteinander verbunden. Vielmehr, das Stattfinden der perpherischen Erlebisse, genauer die Empfindung, die ich davon gewinne, ist die Bedingung dafür, dass mir das ganz anders geartete innere Erlebnis, die Selbstbetätigung, zu teil wird.

Aber diese peripherischen Erlebnisse sind nicht eine unverässliche Bedingung der Sebstbetätigung und des Gefühles derselben. Es gilt hier der allgemeine Satz: jede Weise der Selbstbetätigung, jede Weise des inneren Verhaltens überhaupt, kann, nachdem als einmal sich vollzogen hat, unabhängig von den äusseren Bedingungen, unter denen als ursprünglich sich vollzog, wiederum sich vollziehen. Zunächst in der blossen Vorstellung, also als reproduktiver Vorgang, dann aber auch in Gestalt des volle tatsächlichen Erlebens.

Und dafür bestehen drei Möglichkeiten, Einmal: Ich kann die Weise der Selbstbetätigung nicht blos vorstellen, sondern erleben in meinen Gedanken oder in der blossen Phantasie. Ich tue etwa ein kühne in einer Phantasie. D. h. nicht: ich stelle mir die Tat vor oder phantasiere, dass ich sie tue; sondern ich tue sie, aber so, dass dasjenige, was ich tue, d. h. das äussere Geschehen, auf welches mein inneres Tun, mein Wollen, meine innere Bemühung, mein Ueberlegen, Wählen, Entschieden usw. sich bezieht oder gerichtet ist, ein blosser Phantasiegegenstand bleibt. Ich wüte ein andermal innerlich, arbeite mich ab gegen eine vorgestellte Beleidigung, und bin befriedigt wenn ich in meiner Phantasie der Beleidigung so begegnet bin, wie sie es nach meinem Gefühl verdient.

Die zweite Möglichkeit ist die: An die Stelle des äussere Geschehens, worauf mein inneres Tun gerichtet ist, tritt ein Surrogat oder ein Symbol. Eine äussere Handlung wird in der Phantasie umgestaltet. Und in dieser phantastisch umgestalteten äusseren Handlung befriedigt sich der innere Tätigkeitsdrang. Dergleichen gescheit, wie man weiss z. B; beim kindlichen Spiel. Das Kind plant verwegene Taten, und führt sie in Symbolen aus, und hat das volle Gefühl seines Tuns und des Gelingens, das Gefühl der Kraft und des Stolzes obgleich, was es äusserlich geleistet hat, dazu wenig Anlass gibt. Es hat eben innerlich mehr geleistet, nämlich aller das, was seine Phantasie zu den Symbolen hinzugefügt hat.

Und endlich die dritte Möglichkeit; Diese liegt vor in jener ästhetischen Nachahmung.

In der Natur dieser Nachahmung vor allem liegt es, dass sie hinzielt auf die Selbstbetätigung. Sie hat im instinktiven Drang der Selbstbetätigung ihren letzten Grund.

Zugleich er liegt es in der Natur des Triebes zu solcher Nachahmung, dass in ihr das Streben nach Selbstbetätigung sich befriedigen kann in der Wahrnehmung eben der Bewegung, die das Nachahmungsstreben auslöst.

Und da es so ist, so bedarf dies Strebe, keiner weiteren Befriedigung. Es bedarf insbesondere nicht mehr der Befriedigung durch die im eigenen Körper geschehenden peripherischen Erlebnisse. Die Betrachtung der geschehenen Bewegung weckt die Tendenz der entsprechenden Selbstbetätigung, der entsprechende d. h; derjenigen, die an die Ausführung einer solchen Bewegung bei mir gebunden wäre. Du diese Tendenz verwirklicht sich zugleich in dieser Betrachtung.

Dies tut umso sicherer, je mehr ich in der Betrachtung ganz aufgehe. Dies „Aufgehen“ macht jene Tendenz frei oder beseitigt in mir die Hindernisse ihrer Verwirklichung. Jede „Tendenz“ aber verwirklicht sich, wenn die Hindernisse ihrer Verwirklichung beseitigt sind, wenn, positiv gesagt, die Tendenz frei, d. h. sich selbst überlassen bleibt. Dies ist eben der Sinn der „Tendenz“.

Dazu ist doch noch folgendes hinzufügen. In der Wahrnehmung der fremden Bewegung, sage ich, wird die Tendenz der „entsprechenden“ Selbstbetätigung geweckt und befriedigt. Und darum bedarf es der Befriedigung durch die peripherischen Erlebnisse nicht mehr.

Damit sind, wie man sieht, zwei mögliche Wege er Befriedigung jener Tendenz einander gegenüberstellt, der Weg der rein innerlichen, kurz gesagt der „immanent“ psychischen Befriedigung einerseits, und der durch die körperliche Erlebnisse hindurchgehende Weg andrerseits. Die letztere Weise der Befriedigung können wir als die motorische bezeichnen.

Diese motorische Befriedigung nun geschieht nicht, soweit die immanente nicht ur geschieht, sondern zugelich eine vollkommene und vollkommen ungehemmte ist. Umgekehrt, sie geschieht oder wird erstrebt, in dem Masse als die immanente gehemmt ist. Die Bewegung geht den motorische Weg, wenn sie nicht ohne Hemmung rein psychisch sich vollziehen kann. Die Spannung entlädt sich nach dem Körper zu, wenn sie nicht psychisch sich völlig frei entladen kann.

Hiermit ist eine allerallgemeinste psychische Tatsache bezeichnet: Motorische Vorgänge sind ein Ausweg, den die psychische Bewegung nimmt, wenn sie nicht frei in sich selbst sich vollenden, d; h. so ablaufen und den Erfolg haben kann, auf den sie ihrer Natur nach abzieht. So entsteht das Handeln.

Es bestehen aber in unserem Falle, d. h. bei der ästhetischen Nachahmung gesehener Bewegungen drei Möglichkeiten, wie, in der Konkurrenz jener beiden Entladungswege die Entladung zugleich auf dem motorischen Wege sich vollziehen kann. Einmal: Es ist in einem Individuen seiner natur zufolge ein Überschuss des Tätigkeitstriebes. Oder zweitens: das Individuum ist spezifisch motorisch angelegt. Es ist in ihm der motorische Weg ein besonders gangbarer. Diese beiden Möglichkeiten nun interessieren uns hier nicht weiter. Dagegen interessiert uns die dritte Möglichkeit:

Indem ich in der Wahrnehmung und Betrachtung der fremden Bewegung die innere Tätigkeit oder die Selbstbetätigung, die darin liegt, erlebe ich zugleich die „Arbeit“, die damit geleistet, d. h. die Hemmungen, die dabei überwunden werden. Ich erlebe sie als Hemmungen meiner Selbstbetätigung oder der inneren Befriedigung des Strebens nach der Selbstbetätigung. Und damit ist nun ein Grund gegeben für den motorischen Ausweg.

Hier denke ich zunächst an folgende Tatsache: Sehe ich eine Bewegung eines Andern auf Hemmungen stossen, sehe ich ihn sich abmühen, dann vor allem bin ich in Versuchung, meinerseits eigene Bewegungen auszuführen. Ich verspüre den Trieb, durch eigene körperliche Anstrengungen sozusagen nachzuhelfen.

Nun leiste aber jede Tätigkeit Arbeit. Bei jeder Tätigkeit gibt es zu überwindende Hemmungen. Und anderseits liegt in jeder gesehenen Bewegung für mich mehr oder weniger, Tätigkeit. Es ist also durch jede Bewegung, die ich sehe, ein Ablass gegeben zum „nachhelfen“. Da ich immerhin die Bewegung sich vollziehen sehe, also mein Tätigkeitstrieb innerlich sich befriedigt, so ist dieser Ablass kein Grund zur eigenen Ausführung der Bewegung. Aber er ist ein Grund zur eigenen Ausführung der Bewegung. Aber er ist ein Grund zu einem Bewegungsansatz, zu einer Spannung der Muskeln, nämlich zu der Spannung wie sie zur eigenen Überwindung des Hemmnisses erforderlich wäre.

Hier nun sind wir angelangt bei den Muskelspannungen, auf die an bei rein inneren Nachahmung so viel gewicht gelegt hat. In der Tat werden bei Betrachtung von Bewegungen Anderer, und zwar in dem Masse als darin „Arbeit“ liegt, solche Spannungen in meinen Muskeln nie fehlen. Sie werden eintreten aus dem bezeichneten Grunde. Dabei sind unter den „Bewegungen“ nicht nur die jetzt vor meinen Augen sich vollziehenden Bewegungen, sondern auch die Stellungen and Haltungen verstanden. Und hinzugefügt kann werden, dass solche Spannungen nicht ur bei Betrachtung von Bewegungen eines menschlichen Körpers, sondern ebensowohl bei Betrachtung sonstiger Bewegungen, und weiter hin bei Betrachtung aller möglichen Formen, insbesondere etwa architektonischer Formen, sich einstellen oder einstellen können.

Was nun bedeuten diese Spannung oder, allgemeiner gesagt, diese Organempfindungen, für die Einfühlung? Welche Bedeutung haben sie für den ästhetischen Genuss, der nichts ist als Genuss des eingefühlten Selbst, d. h; der eingefühlten Selbstbetätigung?

Meine Antwort auf diese Frage lautet: Sie haben dafür ganz und gar keine Bedeutung. Um im folgenden für die hier in Rede stehenden Spannungen einen kurzen Namen zu haben, bezeichne ich sie als induzierte Spannungen. „Indizierte Spannungen“ sind also solche, die in der ästhetischen Betrachtung eines Objektes und auf Grund dieser Betrachtung sich ergeben.

Die Theorie, die solchen Spannungsempfindungen eine ästhetische Bedeutung beimisst, kann dreierlei meinen.

Die erste Möglichkeiten ist diese: Man begeht die unglückselige Verwechslung, die einem Psychologen begegnen kann, nämlich die Verwechslung dieser Spannungsempfindungen mit dem Gefühl der Tätigkeit, dem Gefühl des Strebens, das sich Bemühens, der Anstrengung oder „Anspannung“ des Willens, des Widerstandes oder Standhaltens, des Kraftaufwandes, endlich des Gelingens oder der Befriedigung des Strebens. Man verwechselt das Empfindungserlebnis der Spannung in den Muskel, d. h. den eigentümlichen, nicht näher beschreibaren, in den Muskeln, lokalisierten Empfindungsinhalt, - den wir als „Spannung“ zu bezeichnen pflegen, weil derselbe einem Wollen oder einer Willensanspannung sein Dasein zu verdanken und demgemäss von einem Gefühl der Spannung: nämlich der Anspannung des Wollens begleitet zu sein pflegt, - mit diesem Gefühl; man unterliegt der Begriffsverwirrung, welcher derjenige unterliegen würde, der den Durst nach Rache mit einem frischen Trunk löschen, oder der die Wärme der Anteilnahme nach Celsius bestimmen wollte. Man redet in allem Ernst von einem Körperlichen „Kraftsinn“ u. dgl.

Die zweite Möglichkeit ist die: man begeht jene Verwechslung nicht, sondern scheidet das Gefühl der Tätigkeit von en körperlichen Empfindungsinhalte, hält aber jene „indizierte“ Spannungsempfindungen für eine besonders erfreuliche Sache, und mein, die Lust, die mir daraus entstehe, se entstehe mit der Lust an dem schönen Objekte identisch, oder sie trage dich dazu Erkleckliches bei.

Die dritte Anschauung endlich begeht eine womöglich noch üblere Verwechslung als die erste. Sie lässt die Lust an dem schönen Objekte nicht auf den fraglichen Organempfindungen beruhen, sondern durch ganz oder teilweise konstituiert sein. Der ästhetische Genuss, so ist die Meinung, besteht ganz oder im Haben von Organempfindungen; die Lust am ästhetischen Objekte ist ganz oder teilweise ein Komplex von solchen Empfindungen.

Hier darf ich wohl hinzufügen: Diese dritte Meinung hat im Grunde niemand. Aber sie liegt in mancherlei Wendungen, wenn man diese im wollen Ernste nimmt. Man scheidet eben nicht genügend scharf die beiden Möglichkeiten, dass die Freude am ästhetischen Objekt ganz oder teilweise sei – nicht am ästhetischen Objekt, sondern an meinen Organempfindungen und die andere, dass die Organempfindungen, oder genauer ihre Inhalt, einen Bestandteil dieser Freude ausmachen, oder als Bestandteil in dieselbe „eingehen“.

Was man die erste dieser drei Anschauungen betrifft, so hab ich dagegen mehrfach mich gewendet; ich verweise insbesondere af meine Schrift über „Selbstbewusstsein, Empfindung und Gefühl“ 1901, und auf den ersten der Aufsätze, die ich in der Zeitschrift für Psychologie usw. unter dem Titel „Einige psychologische Streitpunkte“ veröffentlicht habe.

Hier bemerke ich dazu zunächst, dass mein Bewusstsein jener Identifikation von Organempfindungen und Gefühlen der Tätigkeit, des Strebens, der kraft usw. aufs Bestimmteste widerspricht. Ich finde, wenn ich eine Bewegung will und vollbringe, mich strebend nach den Empfindungen, in welchen für mich die Bewegung besteht, also nach den Spannungsempfindungen, finde mich bemüht um dieselben, befriedigt durch dieselben, kurz finde mich und mein Tätigkeitsgefühl ihnen gegenüber, finde die peripherischen Erlebnisse als Objekt, worauf das Gefühl bezogen ist; ich finde mit einem diese beiden Gattungen von Erlebnissen unmittelbar gesondert und qualitativ geschieden; ich verstehe darum jene Identifikation nur bei einer Psychologie, die bei Aussagen über Bewusstseinserlebnisse – vielleicht allerlei zu Rate zieht, nur die Bewusstseinserlebisse, um die es sich handelt, grundsätzlich vernachlässigt.

Was die zweite Meinung angeht, so bemerke ich, dass Spannungsempfindungen, wie kinästhetische Empfindungen überhaupt, wenn ich absehe von dem begleitenden Gefühl des Strebens der Bemühung, des Gelingens, die gleichgültigste Sache von der Welt sind. Sie sind für mich Gegenstand eines Interesses nur, wenn sie allzu stark sind; Und dann sind sie unangenehm.

Die dritte Meinung bedarf keiner ernsthaften Widerlegung. Bestände meine Lust in Organempfindungen, so müsse auch die Unlust in solchen bestehen. Ich fühle aber in dem bezeichneten Falle Unlust „an“ Organempfindungen; und dabei ist wiederum für mich die Unlust von Organempfindungen aufs deutlichste unterschieden; Es kann aber niemand meinen, es gäbe hinsichtlich der Unlust die zwei Möglichkeiten, die eine, dass sie in Organempfindungen bestehe, die andere, dass sie diesen „gegenüber“ gefühlt werde.

Im übrigen habe ich den sämtlichen drei oben unterschiedenen Meinungen gegenüber zu bemerken, dass ich, wie schon aus oben gesagtem sich ergibt, in der ästhetischen Nachahmung von Bewegungen, und von Organempfindungen überhaupt, um so weniger weiss, je mehr ich dem ästhetischen Objekt betrachtend hingegebend bin. All dergleichen verschwindet für mein Bewusstsein völlig. Ich bin dieser Sphäre meines Erlebens ganz und gar entrückt.

Und so ist es nicht nur, sondern so muss es sein. Organempfindungen sind gegenständliche Erlebnisse, und diese konkurrieren notwendig mit anderen gegenständlichen Erlebnissen. Und dies heisst beispielsweise, dass sie die Empfindungen von Zuständlichkeit meines Körpers meinem Bewusstsein entschwinden müssen, in dem Masse als ich dem ästhetischen Objekt – dem ja doch nun einmal die Zuständlichkeiten meines Körpers nicht angehören – betrachtend hingegeben bin.

Diese Abwendung des Bewusstseins von den Zuständlichkeiten meines Körpers schliesst aber sowohl aus, dass die Empfindung derselben mit dem Gefühl der Tätigkeit, das ich in der ästhetischen Betrachtung gewinne, identisch, als dass die Freude, die ich angesichts des ästhetischen Objektes fühle, in Wahrheit, sei es ganz, sei es teilweise, Freude an diesen körperlichen Zuständlichkeit sei, also auch endlich, dass meine Frede am ästhetischen Objekte in der Empfindung dieser Zuständlichkeiten ganz oder teilweise bestehe.

Weiter bemerke ich – gegen die erste und die zweite jener drei sonderbaren Meinungen – dass Schönheit eines Objektes allemal Schönheit dieses Objektes ist, und niemals Annehmlichkeit von irgend etwas, das nicht dies schöne Objekt ist oder ihm angehört. Dies heisst insbesondere: Es ist unmöglich, dass Lust an Zuständlicheikten meines Körpers, dieses von dem betrachtenden Objekte verschiedenen, vielleicht räumlich von ihm weit entfernten Dinge, von mir gefühlt werde als Lust an diesem Objekte. Lust „an“ Körperständlichkeiten ist Lust, die ich fühle, indem ich auf die Körperständlicheiten achte. Etwas ist mir lustvoll, dies heisst gar nichts anderes als: Ich habe ein Lustgefühl, indem ich innerlich ihm zugewendet bin. Lust aber, die ich fühle, indem ich auf meine körperlichen Zuständlichkeiten oder die Vorgänge in meinen Organen, achte, kann nicht – weder ganz noch teilweise – identisch sein mit Lust, die ich fühle, indem ich auf die Vorgänge in meinen Organen nicht achte, sondern mit meiner ganzen Aufmerksamkeit dem ästhetischen Objekte zugewendet bin, Kurz, A kann nicht non A sein. So verhält es sich, mag man nun die Empfindungen der körperlichen Vorgänge mit dem Gefühl der Tätigkeit identifizieren, oder diese Identifikation unterlassen.

Zu allerletzt aber verweise ich – wiederum gegen alle drei Meinungen – auf jedermann verkannte oder von jedermann leicht verifizierbare Tatsachen.

Ich betrachte ein Gemälde erst in einer unbequemen, dann in einer bequemen Stellung. Die Verschiedenheit der Stellungen ist für ein Bewusstsein eine Verschiedenheit von Organempfindungen.

Dabei bestehen die beiden Möglichkeiten. Ich bin in die Betrachtung des Gemäldes so versenkt, dass mir die Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit meiner Stellung nicht zum Bewusstsein kommt. Dann haben jene Organempfindungen für meinen ästhetischen Genuss keinerlei Bedeutung.

Oder aber es gelingt mir nicht, die Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit meiner Stellung völlig auszuschalten. Dann erleichtert mir die bequeme Stellung meinen Genuss, während die unbequeme ihn mir erschwert. Aber auch hier bin ich keinen Moment in Versuchung, die Lust bezw. Unlust an meinen Organempfindungen der Schönheit des Objektes zuzurechnen bezw. sie davon in Abzug zu bringen. Sondern nichts ist mir klarer, als dass dese beiden Tatsache, Schönheit des Gemäldes und Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit von Körperempfindungen, gar nichts miteinander zu tun haben; Ich setzte die unangenehmen Organempfindungen so wenig auf Rechnung des ästhetischen Wertes de Objektes, als ich die Wärme oder Kälte in dem Raum, in welchem das Gemälde hängt, oder meinen Hunger oder meinen Durst, oder meinen Zahnschmerz, auf Rechnung desselben setzte.

Diesen Tatsachen gegenüber gibt es nur noch eine mögliche Gegenbemerkung. Man erinnert daran, dass die hier eigentlich in Rede stehenden Organempfindungen „induzierte“ seien.

Aber was heisst nun dies? Was heisst es für mein Bewusstsein? Denn um einen Bewusstseinstatbestand handelt es sich hier. Für mein Bewusstsein sollen die „induzierten“ Spannungen, oder soll die angebliche Lust an diesen Spannungen zum ästhetischen Objekt gehören, oder eine Bestandteil am Genuss desselben ausmachen, während von sonstigen Spannungen z. B. den aus meiner bequem oder unbequem Stellung bei Betrachtung eines ästhetischen Objektes, nichts dergleichen gilt. Es muss also für mein Bewusstsein jenen Spannungen etwas Eigenartiges anhaften, das bei diesen fehlt. Worin nun besteht dies? Was, genauer gesagt, fügt sich für mein Bewusstsein zwischen das betrachtete Objekt und die „induzierten“ Spannungen ein, das diese Spannungen als aus dem Objekt und seiner Betrachtung herstammend erscheinen lassen kann.

Auf diese Frage nun kennen wie die Antwort. Die Spannungen die sich aus der bequemen oder unbequemen Stellung ergeben, sind, wie beschaffen sie auch sein mögen nur einfach da. Die „induzierten“ Spannungen dagegen geben hervor aus dem fühlbaren Streben, sich Bemühe, gelingen des Strebens, kurz aus der vor mir gefühlten inneren Tätigkeit; Und diese Tätigkeit wiederum fühle ich in der Betrachtung des ästhetischen Objektes, und finde sie an das ästhetische Objekt unmittelbar gebunden. Abgesehen von dieser meiner inneren Tätigkeit wären auch diese induzierten Spannungen eben – Spannungen, durchaus gleichartig den aus meiner zufälligen Stellung sich ergebenden, und demgemäss, wie diese, etwas absolut jenseits des ästhetischen Genusses Stehendes.

Also ist dasjenige, was von den Spannungen ästhetisch in betracht kommt, eben jenes Tätigkeitsgefühl? Mit anderen Worten: Die ganze Berufung af die Spannungen ist ein Missverständnis. Man meint, indem man von ihnen redet, etwas völlig Anderes. Man meint die – Einfühlung, „Einfühlen“ aber heisst – nicht etwas in meinem Körper empfinden, sondern etwas – nicht etwas in seinem Körper empfinden, andern etwas nämlich sich selbst, in dem ästhetischen Objekte fühlen.

Ich setzte bisher voraus, der Gegenstand der ästhetischen Betrachtung sei seine menschliche Bewegung Stellung, Haltung. Gleicher Art, wie hier, ist aber die Einfühlung auch in anderen Fällen, z. B. bei der Betrachtung architektonischer Formen. Ich fühle in der Betrachtung einer weiten Halle eine innere „Ausweitung“, es wird mir „weit“ ums Herz, ich habe dies eigentümliche Selbstgefühl. Damit verbinden sich Muskelspannungen, vielleicht solche, durch welche der Brustumfang weiter wird. Diese existieren freilich für mein Bewusstsein nicht, solange meine Aufmerksamkeit auf die weite Halle gerichtet ist. Aber dies hindert vielleicht einen Ästhetiker nicht, das Gefühl der inneren Ausweitung mit dieser Empfindung der den Körper ausweitenden Muskelspannungen zu verwechseln. Auch hier, wie bei dem Durst nach Wasser und dem Durst nach Rache, und in noch sehr vielen anderen Fällen, verwendet ja der Sprachgebrauch – aus guten Gründen – gleich Ausdrücke.

Aber dies Alles sind eben Verwechslungen. In Wahrheit sind die Empfindungen meines eigenen Zustandes in der ästhetischen Betrachtung nur da, um für mich ganz und gar nicht da zu sein.

Aber vielleicht haben für den ästhetischen Genuss Organempfindungen, die ich als von Objekt der Betrachtung erlebt vorstelle, Bedeutung. Dies muss ich nicht minder leugnen. Sehe ich in einer plastischen Darstellung einen Menschen sich aufrichten, so existieren für meine ästhetische Betrachtung die Organempfindungen, die ein wirklicher Mensch haben würde wenn er so sich aufrichtete, ebenso wenig wie meinen eigenen Organempfindungen. Was ich der plastischen Gestalt unmittelbar ansehe, das ist ihr Wollen, die Kraft, der Stolz. Nur dies liegt für die Betrachtung unmittelbar in dem Betrachteten. Und zum ästhetischen Objekt gehört nun einmal nur, was in dem Betrachteten unmittelbar liegt; Dass bei einem solchen Menschen, wenn er ein wirklicher Mensch wäre, auch die Organempfindungen unweigerlich sich einstellen würden. Ist eine Zutat meiner Reflexion.

Im übrigen sind, wie schon gesagt, solche Organempfindungen schlechterdings uninteressant, wenn sie nicht etwa peinigend sind. Und in diesem letzteren Falle kann auch es geschehen, dass ich von ihnen ein Bewusstsein habe. Nur ist es dann mit der reinen ästhetischen Betrachtung zu Ende.

Sehe ich etwa eine Tänzerin auf den Zehenspitzen tanzen, dann drängt sich mir die Vorstellung der unangenehmen Empfindung, die sie haben muss, auf. Damit bin ich aber aus der ästhetischen Betrachtung herausgeschleudert. Nicht wegen der Unannehmlichkeit der Empfindung, sondern wegen der Empfindung. Auch Kummer ist unangenehm, aber der Kummer, den ich einer Gestalt ansehe, hebt die ästhetische Betrachtung nicht auf. Dieser ist eben eingefühlt.

Auch der als hungrig Dargestellte ist nicht als hungrig dargestellt; sondern dargestellt ist nur die Weise, wie ihm zu Mute ist. Nur dieses affektive Moment erlebe ich in der ästhetischen Betrachtung mit. Dass bei einer solchen Weise, wie einem Menschen zu Mute ist, Hunger der Anlass zu sein pflegt, ist eine verstandesmässige Interpretation.

Kurz, Organempfindungen, welcher Art sie auch sein mögen, gehen in die ästhetische Betrachtung und den ästhetischen Genuss in keiner Weise ein. Es gehört zum Wesen der ästhetischen Betrachtung, sie schlechterdings auszuscheiden.

Und es gehört zur wissenschaftlichen Ästhetik, und ist Bedingung ihrer gesunden Entwicklung, dass sie von der Organempfindungskrankheit nun allmählich sich wiederum erhole.




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