Critique d'Euryanthe de Weber

Grillparzer Franz, 1823

ÔĽŅFranz Grillparzer
Aesthetische Studien. ‚Äď Sprachliche Studien. ‚Äď Aphorismen.
Aesthetische Studien.
Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
Grillparzers sämtliche Werke
F√ľnfzehnter Band
F√ľnfte Ausgabe
Ed. par August Sauer

1. Allgemeines.
ZUR KUNSTLEHRE.
GRUNDSATZ.

4.
ZUR MUSIK


Theaterkritiken
2.

EURYANTHE, OPER VON K. M. WEBER.
(1823.)
Was ich schon bei Erscheinung des Freisch√ľtzen geahndet hatte, scheint sich nunmehr zu best√§tigen. Weber ist allerdings ein poetischer Kopf, aber kein Musiker. Keine Spur von Melodie, nicht etwa blo√ü von gef√§lliger, sondern von Melodie √ľberhaupt. (Ich nenne aber Melodie einen organisch verbundenen Satz, dessen einzelne Teile einander musikalisch-notwendig bedingen.) Abgerissene Gedanken, blo√ü durch den Text zusammengehalten und ohne innere (musikalische) Konsequenz. Keine Erfindung, selbst die Behandlung ohne Originalit√§t. G√§nzlicher Mangel an Anordnung und Kolorit. Der romantisch-leichte Stoff beschwert und herabgezogen, da√ü man sich bang und √§ngstlich f√ľhlen mu√ü. Kein lichter Moment ausgespart, das Ganze in einem Tone d√ľster und tr√ľbselig gehalten. Ich sehe in diesem Kompositeur einen musikalischen Adolf M√ľllner. Beide traten gl√§nzend auf, indem sie, erst im sp√§tern Mannesalter beginnend, die k√§rgliche Poesie ihres ganzen fr√ľhern Lebens, durch einen treibenden Stoff gehoben, in einer knallenden Feuerwerkfronte abbrannten (Schuld, Freisch√ľtz). Beide M√§nner von scharfem Verst√§nde, mit mannigfachen Talenten, beide von ihrem eigenen Werte und dem ihrer Hervorbringungen innigst √ľberzeugt, beide Theoriem√§nner und daher auch Unk√ľnstler, beide sich hinneigend zur Kritik. Kritik wird das Ende Webers sein, wie es M√ľllners Ende war. So wie er in der Meinung sinkt, wird er suchen jene herabzuziehen, die noch in der Meinung stehen, und zwar, wie M√ľllner, ohne sich dabei der b√∂sen Absicht bewu√üt zu sein. Gott gebe, da√ü ich irre, und verzeihe mir, wenn ich es thue.¬†Gestern wieder in der Euryanthe gewesen. Diese Musik istscheu√ülich. Dieses Umkehren des Wohllautes, dieses Notz√ľchtigen des Sch√∂nen w√ľrde in den guten Zeiten Griechenlands mit Strafen von Seite des Staates belegt worden sein. Solche Musik ist¬†polizeiwidrig, sie w√ľrde Unmenschen bilden, wenn es m√∂glich w√§re, da√ü sie nach und nach allgemeinen Eingang finden k√∂nnte. Als ich die Oper zum erstenmale h√∂rte, half ich mir √ľber die √§rgsten Stellen durch Unaufmerksamkeit weg. Gestern lie√ü mich der Wunsch, dem Tonsetzer nicht unrecht zu thun, genau achtgeben. Anfangs ging es ganz leidlich; teils ist der Eingang weniger verschroben, teils war die Kraft zu dulden in mir noch ungeschw√§cht, aber von Stufe zu Stufe stieg das innere Grausen und ging zuletzt bis zur k√∂rperlichen Uebelkeit. Wenn ich am Schlu√ü des zweiten Aufzuges nicht das Theater verlie√ü, h√§tte man mich im Verlauf des dritten vielleicht hinaustragen¬†m√ľssen. Diese Oper kann nur Narren gefallen, oder Bl√∂dsinnigen oder Gelehrten, oder Stra√üenr√§ubern und Meuchelm√∂rdern.

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