Les corrupteurs de l'art

Grillparzer Franz, 1856

´╗┐Franz Grillparzer
Aesthetische Studien. ÔÇô Sprachliche Studien. ÔÇô Aphorismen.
Aesthetische Studien.
Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
Grillparzers s├Ąmtliche Werke
F├╝nfzehnter Band
F├╝nfte Ausgabe
Ed. par August Sauer

1. Allgemeines.
ZUR KUNSTLEHRE.
GRUNDSATZ.

DIE KUNSTVERDERBER.
(1856.)
Wenn man vom Verderben eines Strebens, einer Richtung, einer Kunst spricht, so meint man wie nat├╝rlich nicht die mangelhaften Schritte, die vom Anfange aus bis zur Gewinnung eines, der Vollkommenheit sich n├Ąhernden Standpunktes gemacht werden. Sie sind f├Ârderlich, notwendig und in ihrer Unvollkommenheit verehrungsw├╝rdig, ob es gleich l├Ącherlich ist, wenn eine ├╝bers├Ąttigte Zeit ihnen einen h├Âhern Wert zuschreiben will, als den, den sie wirklich haben. Verderben hei├čt: eine schon vorgeschrittene Kunst durch falsche Bestrebungen wieder r├╝ckg├Ąngig machen. Da st├Â├čt man denn freilich bei den Verteidigern eines immerw├Ąhrenden Fortschrittes gewaltig an. Aber wollte man diesen auch, gegen alle Erfahrung, im ganzen der Welt zugeben, so st├Â├čt man doch im einzelnen damit gewaltig an, besonders wenn es sich um Begabungen und Energien handelt, die nur bei einzelnen vorkommen, ja ihrer Natur nach eine Art Abgeschlossenheit, um nicht zu sagen: Einseitigkeit bedingen. Kenntnisse lassen sich mitteilen, Kr├Ąfte nicht. Die Bildung, die allerdings in den letzten drei Jahrhunderten in immerw├Ąhrendem Fortschritt war, beruht auf einem Gleichgewicht aller menschlichen F├Ąhigkeiten; Bestrebungen, die wesentlich ein Uebergewicht besonderer Eigenschaften voraussetzen, sind weit entfernt, durch solche Allgemeinheiten gef├Ârdert zu werden, Bildung haben und seine Bildung am geh├Ârigen Orte vergessen zu k├Ânnen, sind f├╝r den neuern Dichter gleich wichtige Erfordernisse, ja letzteres beinahe wichtiger, wie es schwerer ist.
Man kann eine Kunst theoretisch oder praktisch verderben.
Die falschen Theorien verderben eigentlich die Kunst nicht, sie kommen erst, wenn sie bereits verdorben ist. Die Produktion hat eine so ├╝berw├Ąltigende Macht, da├č ├Ąsthetisches┬áGefasel dagegen unwirksam bleibt. Erst wenn die Aus├╝bung ermattet oder sich selber untreu geworden ist, dann machen sich die falschen Grunds├Ątze breit und erschweren, ja machen die R├╝ckkehr f├╝r die Masse halb unm├Âglich. Erst ein neues schaffendes Talent bricht oft sp├Ąt genug den Bann; denn die echten Grunds├Ątze liegen im Talente selbst und, als erweckbarer Keim, auch in der Masse.
Also nur die K├╝nstler verderben die Kunst. Das ist oft gesagt worden und daher nichts Neues. Meistens aber wurde der Satz so gebraucht, als ob es die eigentlich schlechten K├╝nstler w├Ąren, die dieses Verderbnis herbeif├╝hren. Das ist aber ganz unwahr. Die schlechten Dichter bleiben unbeachtet, und die mittelm├Ą├čigen unterhalten, oft ganz mit Recht, die Menge, die aber recht wohl zu unterscheiden wei├č, da├č, wenn sie Wallensteins Tod sieht, sie auf eigentlichem Kunstgebiete steht, indes sie sich gestern bei Kotzebue oder Iffland ganz einfach nur unterhalten hat.
Die ausgezeichneten K├╝nstler sind es, die die Kunst verderben, wenn sie sich individuellen Richtungen mit zu gro├čer Vorliebe hingeben. Der Tadel trifft aber dann eigentlich nicht sie. Jede Begabung hat das Recht, zu sein, was sie ist, und wenn die Kunst ein Allgemeines hat, das aus der Sache selbst flie├čt und in dem Zusammentreffen mit allen gro├čen K├╝nstlern desselben Faches sich kundgibt, so macht das Individuelle den eigentlichen Reiz aus, der unterscheidet und erfrischt. Wollte Gott, jeder K├╝nstler w├Ąre ein anderer. Wenn aber die Nachahmer, durch den Glanz des Namens und das Einschneidende der Besonderheit verf├╝hrt, sich auf das Individuelle werfen, ohne die Individualit├Ąt zu besitzen, die es naturgem├Ą├č erzeugt und ebenso rechtfertigt als entschuldigt, dann weicht die Kunst von ihrem Wege ab, und die Verwilderung tritt ein, entweder augenblicklich, wenn das Nachgeahmte leidenschaftlicher Natur war, oder sp├Ąter, als Nachwirkung gegen reflektive K├Ąlte und launische Ablehnung.
Man mu├č daher unter den ausgezeichneten K├╝nstlern einen gro├čen Unterschied machen, zwischen den vortrefflichen als solchen und den musterg├╝ltigen (der eigentliche Begriff f├╝r das, was man klassisch nennt). Die ersteren gehen einen Pfad, der nur f├╝r sie gangbar ist, die zweiten den Weg, der f├╝r alle pa├čt. Der Ausdruck originell ist daher sehr zweideutiger Natur, und es geh├Ârt eine gro├če Begabung┬ádazu, um einen K├╝nstler nicht schon durch diese Bezeichnung in die zweite Rangstufe zu setzen. Auf den eigentlich gro├čen K├╝nstler ├╝bt das von seinen Vorg├Ąngern ├ťbernommene als Vorhandenes die Macht eines Nat├╝rlichen, und er macht es wie alle andern, nur unendlichemale besser.
So ist in der Musik Beethoven vielleicht ein so gro├čes musikalisches Talent als Mozart oder Haydn, nur hat etwas Bizarres in seiner Naturanlage, verbunden mit dem Streben originell zu sein, und allbekannte traurige Lebensumst├Ąnde ihn dahin gef├╝hrt, da├č, in weiterer Ausbildung durch talentlose Nachtreter, die Tonkunst zu einem Schlachtfelde geworden ist, wo der Ton mit der Kunst und die Kunst mit dem Ton blutige B├╝rgerkriege f├╝hren.

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