Reiz der genauen Naturnachahmung (und Allgemeines)

Grillparzer Franz, 1819

ï»ż Franz Grillparzer
Aesthetische Studien. – Sprachliche Studien. – Aphorismen.
Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
Grillparzers sÀmtliche Werke
FĂŒnfzehnter Band, fĂŒnfte Ausgabe
Ed. par August Sauer
Allgemeines.


REIZ DER GENAUEN NATURNACHAHMUNG.

Arthur Schopenhauer findet, und mit Recht, einen Grund des wahrhaft kĂŒnstlerischen Reizes, den die genauen Naturnachahmungen der NiederlĂ€nder in ihren Stillleben und Landschaften auf uns machen, in der Vorstellung von der Ruhe und rein beschauenden Stille des GemĂŒts, die in dem KĂŒnstler herrschend gewesen sein muß, um derlei Dinge objektiv zu betrachten und so treu genau darzustellen. Ist nun gerade das GemĂŒt des Beschauers von Leidenschaften – oder Leiden bewegt, so kann die Vorstellung dieser objektiven Ruhe bis zur höchsten RĂŒhrung steigen.

(1840.)
Die Wissenschaft ĂŒberzeugt durch GrĂŒnde, die Kunst soll durch ihr Dasein ĂŒberzeugen, wie die Wirklichkeit, wie die Natur.

(1839.)
Die Kunst verhÀlt sich zur Natur, wie der Wein zur Traube.

(1818.)
Jede Entfernung von der Natur in der Kunst ist entweder Stil oder Manier, Stil, wenn die Entfernung nach den Forderungen des Ideals geschieht! Manier, geschieht sie aus was immer fĂŒr einem andern Gesichtspunkte.

(1829.)
Die sogenannte moralische Ansicht ist der grĂ¶ĂŸte Feind der wahren Kunst, da einer der HauptvorzĂŒge dieser letztern gerade darin besteht, daß man durch ihr Medium auch jene Seiten der menschlichen Natur genießen kann, welche das Moralgesetz mit Recht aus dem wirklichen Leben entfernt halt.

(1834.)
Philosophisch wahr ist, was sich erweisen lĂ€ĂŸt; poetisch wahr das, wovon man ĂŒberzeugt ist, oder besser, was man als wahr fĂŒhlt, im Gegensatz von dem, was man als wahr weiß.

(1822.)
Ein Kunstwerk muß sein wie die Natur, deren verklĂ€rtes Abbild es ist: fĂŒr den tiefsten Forscherblick noch nicht ganz erklĂ€rbar; und doch schon fĂŒr das bloße Beschauen etwas, und zwar etwas Bedeutendes. Wer etwas schafft, das der gemeinmenschlichen Fassungskraft nichts ist und erst der tiefsinnigen Reflexion sich gestaltet, hat vielleicht ein philosophisches Problem glĂŒcklich in poetischer Einkleidung gelöst, aber er hat kein Kunstwerk gebildet.

(1838.)
Wenn ein Talent und ein Charakter zusammenkommen, so entsteht das Genie.

(1812-1813.)
Das Genie unterscheidet sich von dem Talente weniger durch die Menge neuer Gedanken, als dadurch, daß es dieselben fruchtbringend macht, und sie immer auf der rechten Stelle hat; mit einem Wort, daß bei ihm alles zum Ganzen wird, indes das Talent lauter, wenn auch schöne, Teile hervorbringt.
Menschen von Talent sind weniger Musiker, als vielmehr musikalische Instrumente; ohne fremde Hilfe bringen sie keinen Ton hervor, aber bei fremder, auch der leisesten BerĂŒhrung entwickelt sich aus ihnen herrliche Melodie.

(1819.)
Ein Weiser mag und soll höher stehen, als seine Zeit; der Dichter als solcher nicht, aber ihr Gipfel soll er sein.

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