Critique du " Don Juan " de Richard Strauss

Hanslick Eduard, 1892

ï»żEduard Hanslick
Aus: FĂŒnf Jahre Musik
(Der „Modernen Oper“, VII. Teil.)
Allgemeiner Verein fĂŒr Deutsche Literatur, 1895

1892.
Orchesterkonzerte.

Endlich bekamen wir „Don Juan“ zu hören. Nicht den von Mozart – nein, ganz im Gegentel. Richard Strauß heißt der Komponist des neuesten „Don Juan“. Das Werk, ganz allgemein „Tondichtung“ ĂŒberschrieben, nĂ€hert sich in Form und Inhalt am meisten den Symphonischen Dichtungen von Liszt. Als motto ist der Partitur ein lĂ€ngeres Citat aus Lenaus „Don Juan“ vorgesetzt. „Den Zauberkreis, den unermeßlich weiten, – Von vielfach reizend schönen Weiblichkeiten – möcht‘ ich durchziehn im Sturme des Genusses.“ u.s.w. Das die Tendenz des musikalischen Nachmalens, Nachdichtens von Richard Strauß mit Bewußtsein kultiviert wird, bezeugen auch seine ĂŒbringen symphonischen Dichtungen, z. B. „Tod und VerklĂ€rung“, „Macbeth“. Ganz so weit geht er noch nicht, wie ein neuester englischer Componist (Wadham Nicholl), der sein Orchesterwerk Hamlet, eine „Seelenstudie“ (a psychic sketch) nennt! Aber die Tendenz ist doch dieselbe: die reine Instrumental-Musik als bloßes Mittel zur Schilderung bestimmter VorgĂ€nge zu benĂŒtzen, mit musikalischen Mitteln nicht zu musizieren, sondern zu dichten und zu malen. Hector Berlioz ist bekanntlich der Stammvater dieser sich noch immer vermehrenden jungen Generation von Tonpoeten. Mit Liszt und Wagner bildet er die Dreieinigkeit, auf welche im wesentlichen alles zurĂŒckzufĂŒhren ist, was diese JĂŒngeren können und wollen. Sie haben in einseitigem Studium dieser drei genialen OrchesterkĂŒnstler sich eine VirtuositĂ€t in Klangeffekten erworben, die kaum mehr zu ĂŒberbieten ist. Die Farbe ist ihnen alles, der musikalische Gedanke nichts. Was ich gelegentlich des Meeres von NicodĂ© aussgesprochen, gilt noch viel mehr von Richard Strauß: die VirtuositĂ€t im Orchestrieren ist heute ein Vampyr geworden welcher der schöpferischen Kraft unserer Tondichter das Blut aufsaugt. An Erfolgen fehlt es dieser Art von Ă€ußerlich blendenden Kompositionen nicht. Ich habe Damen und Wagner JĂŒnglinge von dem Straußschen „Don Juan“ mit einer Begeisterung reden hören, daß ihnen bei der bloßen Erinnerung ein wollĂŒstiger Schauer ĂŒber den RĂŒcken zu laufen schien. Andere fanden das Ding einfach abscheulich, und diese Empfindung scheint mir die richtigere zu sein. Das ist kein „Ton-GemĂ€lde“, sondern ein Tumult von blendenden Farbenflecken, ein stammelnder Tonrausch, halb Bacchanale, halb Walpurgisnacht. Es heißt Herrn Richard Strauß zu viel Ehre erweisen, wenn man ihn (wie irgendwo zu lesen stand) mit Hanns Makart vergleicht, der selbst in seinen schwĂ€chsten Stunden eine grĂ¶ĂŸeres KĂŒnstler war und die Grenzen seiner Kunst rein hielt. Über ein scharfes Wort das der Aesthetiker Vischer einst ĂŒber Makarts „ Abundantia“ aussprach, kann man immerhin auf diesen „Don Juan“ anwenden. „Man hat hier“, sagt Vischer, „nicht etwa ein Bild trunkener, doch gesunder Sinnenseligkeit vor sich, gegen nur ein Pietist und Moralist eifern könnte, sondern ein Bild nervös erhitzter und au der höhe der heißgebrĂŒhten Wonne schon halb brecherischer Sinnlichkeit. Wer nicht anderes von einem OrchesterstĂŒck verlangt, als daß es ihn in die wĂŒste Ektase eines nach „all Weiblichkeiten“ lechzenden Don Juan versetzte, dem mag diese Musik gefallen, denn mit ihrer raffinierten Geschicklichkeit erreiche sie den genannten Zweck, so weit er eben musiklisch erreichbar ist. Der Komponist gleicht de einem routinierten Chemiker, der alle Elemente musikalisch-sinnlicher Aufreizung Ă€ußerstgeschickt zu einem betĂ€ubenden „Lustgas“ zu mischen versteht. FĂŒr mein Teil ma ich, bei aller Anerkennung solcher Mischkunst, doch nicht ihr Opfer sein; kann es nicht einmal, weil dergleichen musikalische Narkosen mich vollstĂ€ndig kalt lassen. Schade, daß es nicht auch eine musikalische „Freie BĂŒhne. Giebt fĂŒr den emanzipierten Naturalismus in der Instrumental-musik, das wĂ€re das rechte Ort fĂŒr „TongemĂ€lde“ Ă  la Richard Strauß. Ob er ein großes Talent ist? Ein großes Talent fĂŒr falsche Musik, fĂŒr das musikalisch HĂ€ĂŸliche. Daß er, als Zögling der Berlioz-Liszt-Wagnerschen Schule den denkbar grĂ¶ĂŸten Apparat fĂŒr seine „Tondichtung“ in Bewegung setzt, versteht sich von selbst. Gleich im vierten Takt rauschen zwei Harfen „glissando“ in die höhe und werden die Becken „mit HolzschlĂ€gen“ traktiert, bald darauf vereinigen sich abenteuerlich glucksend Töne der Flöten mit dem Geschmetter aller Blechinstrumente, die höchsten (bisher im Orchester ungebrĂ€uchlichen) Töne der Violine schneiden glasscharf in unser Ohr, ein Glockenspiel erhebt jeden Augenblick sein kindisches Geklingel – kurz ein Effekt jagt den andern, tötet den andern. Dazwischen fliegen kleine Melodie-AnsĂ€tze, fetzen wagnersche Motive ratlos umher; wir warten vergebens auf eine Entwicklung musikalischer Ideen, auf ein bißchen logisches Denken und natĂŒrliches warmen Empfinden, bis wir schließlich ebenso matt zusammenknicken, wie dieser Don Juan, dem nach Lenau und Richard Strauß „der Brennstoff verzehrt ist“. Fast möchten wir wĂŒnschen, es wĂŒrden bald noch recht viel solcher TongemĂ€lde Komponiert, als non plus ultra einer falschen, zĂŒgellosen Richtung. Eine Reaktion könnte dann nicht ausbleiben, die RĂŒckkehr zu einer gesunden, zu einer musikalischen Musik. Das UnglĂŒck ist, daß die meisten unserer jĂŒngeren Komponisten in einer fremden Sprache denken (Philosophie, Poesie, Malerei) und das Gedachte erst in die Muttersprache (Musik) ĂŒbersetzen. Leute wie Richard Strauß ĂŒbersetzen obendrein schlecht, nĂ€mlich unverstĂ€ndlich, geschmacklos, ĂŒberladen. Wir sind nicht so sanguinisch, den RĂŒckschlag gegen diesen emancipierten Naturalismus der Instrumentalmusik bevorstehend zu halten – aber kommen muß er.

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