Critique de l'exécution viennoise de la suite " Esclarmonde " de Massenet

Hanslick Eduard, 1892

ï»żEduard Hanslick
Aus: FĂŒnf Jahre Musik
(Der „Modernen Oper“, VII. Teil.)
Allgemeiner Verein fĂŒr Deutsche Literatur, 1895

1892.
Orchesterkonzerte.

Jules Massenet
Suite.

Aus löblicher Kourtoisie fĂŒr den in Wien weilenden Komponisten Jules Massenet hat Hofkapellmeister Richter dessen Orchester-Suite „Esclarmonde“ aufgefĂŒhrt. Esclarmonde (auf unseren Anschlagzetteln mit rĂŒhrender Konsequenz zum „Esclarmond‘ zugestutzt) ist die Titelheldin von Massenets vorletzter Oper. Aus dieser hat der Komponist vier Scenen, die sich mit geringer AbĂ€nderung zu selbstĂ€ndigen OrchesterstĂŒcken abrunden ließen, herausgehoben und zu einer Suite zusammengestellt. Jede dieser vier Nummer bildet ein selbstĂ€ndiges Genrebild, das sich durch seine Ausschrift (Beschwörung, Zauberinsel, Hochzeitsnacht, Im Walde) hinreichend erklĂ€rt. Im interesse der Komposition wie des Zuhörers wollen wir uns aber den Zusammenhang der Suite mit der Oper selbst nĂ€her ansehen. Die Schöne Esclarmonde ist eine mit ZauberkrĂ€ften ausgestattete orientalische Königstochter. Sie hat sich in einen fremden französischen Ritter verliebt, die sie mit Hilfe ihrer Geisterschar aus jeder Ferne herbeizuzaubern vermag. Wie sie im ersten Akt die Geister der Lust, des Feuers, der GewĂ€sser beschwört, das reproduziert uns die erste Satz der Suite („Evocation“), ein Andante maestoso D-Moll. Massenet hat darin auch alle Geister und DĂ€monen des Orchesters zu seinem Dienst aufgerufen: Englischhorn, Baßklarinette, Kontrafagott, Tamtam, Triangel, große Trommel, Becken, Harfen. Nach der wie Sturmgeheul dahinbrausenden Einleitung ertönt in einem sanfteren Mittelsatz (D-Dur) das in der Oper hĂ€ufig wiederkehrende aufsteigende Leitmotiv: „J’abandonne mon trĂŽne Ă  ma fille Esclarmonde“, und steigert sich zu mĂ€chtigen Pomp. Die Geister tragen den Ritter Roland auf eine wunderbare Zauberinsel, deren reize uns das zweite StĂŒck der Suite schildert („l’Île magique). Es beginnt genau wie die Orchester-Einleitung zum zweiten Akt: lange Trillerketten der Violinen ĂŒber rauschenden Harfen-Arpeggien leiten in ein hĂŒpfendes Allegro scherzando, etwa im Charakter der Mendelssohnschen Elfen-Scherzos. Der berĂŒckende Glanz des mit gestimmten Glöckchen aufgeputzten Orchesters breitet einen fremdartigen MĂ€rchenschimmer ĂŒber das StĂŒck, das in vereinzelten geisterhaft leisen KlĂ€ngen zerstiebt. So ein Insel ist der rechte Ort fĂŒr das unabwendbare Liebesduett zwischen Esclarmonde und Roland. Diesem Duo ist das liebestrunkenen Thema („Divin moment!“) des drittes Satzes („HymĂ©nĂ©e) entnommen, das die Geigen mit Harfenbegleitung so breit und mĂ€chtig intonieren. Esclarmonde muß bis zu ihrem zwanzigsten Jahre verschleiert bleiben, will sie nicht ihre Zaubermacht fĂŒr immer einbĂŒĂŸen. Ihr Geliebter darf ihr Angesicht nicht sehen, sie nicht nach Stand und Namen fragen. Die Pariser ließen es sich nicht entgehen, Esclarmonde deshalb der Spitznamen „Mademoiselle Lohrengrin“ anzuheften. Der starke Duft, den diese Liebesscene ausströmt, ist nicht der Duft von Rosen, sondern von GewĂŒrznelken. Der vierte und letzte Satz unserer Suite („Dans la forĂȘt) steht nicht in so engem Zusammenhang mit der Handlung; er setzt sich aus zwei ganz entlegenen Scenen zusammen. Seine langsame Einleitung, ein zartes, von OboĂ« und Fagott angestimmtes Pastorale in F-dur ist identisch mit dem Vorspiele zum vierten Akt, wo Esclarmonde mit ihrer Schwester in einer Lichtung des Ardennen-Waldes erscheint. Auf dem dunklen Grunde einer rauschenden Sechszehntelfigur, in welche die Geigen sich förmlich verbissen haben, erschallen Hornrufe immer nĂ€her und StĂ€rker; eine Jagd rast an uns vorĂŒber, ĂŒbermĂŒtig, ĂŒberlaut und schließt im tobendsten Fortissimo. Die Jagd spielt in der Oper nicht als wirklicher Vorgang, sondern als bloße Phantasmagorie, und zwar schon im ersten Akt, anschließend an die Beschwörung. Esclarmonde will ihren geliebten Ritter sehen, die Geister gewĂ€hren ihr einen magischen Fernblick in den Ardennenwald, wo sie Roland auf der Jagd nach einem weißen Hirsch erblickt. Massenets Suite, obgleich vom Theater losgelöst, ist doch durchaus Theatermusik, dekorative Musik. Von geringem substanziellen Gehalt, aber von glĂ€nzender Äußerlichkeit, ist sie ein Triumph der geschickten Mache. Im „Werther“ lernen wir Massenet von einer ganz anderen Seite kennen. Dem Klangzauber seiner Suite hat sich das Publikum bereitwillig und dankbar hingegeben.

Traduction Imprimer Télécharger