Critique de la deuxiĂšme Symphonie de JohannĂšs Brahms

Hanslick Eduard, 1878

ï»żConcerte, Componisten und Virtuosen der letzten fĂŒnfzehn Jahre.
1870-1885
Kritiken von Eduard Hanslick
Zweite Auflage
Berlin, Allgemeiner Verlag fĂŒr Deutsche Literatur
1886

Brahms, zweite Symphonie in D-dur

Ein großer, ganz allgemeiner Erfolg krönte die NovitĂ€t; selten hat die Freude des Publikums an einer neuen Tondichtung so aufrichtig und warm gesprochen. Die vor einem Jahre aufgefĂŒhrte erste Symphonie von Brahms war ein Werk fĂŒr ernste Kenner, die dessen sein verzweigtes GeĂ€der ununterbrochen verfolgen und gleichsam mit der Loupe hören konnten. Die zweite Symphonie scheint wie die Sonne erwĂ€rmend auf Kenner und Laien, sie gehört allen, die sich nach guter Musik sehnen, mögen sie die schwierigste fassen oder nicht. Unter Brahms‘ Compositionen nĂ€hert sich ihr in Styl und Stimmung am meisten das B-dur-Sextett, also dasjenige seiner Instrumentalwerke, welches ihn am populĂ€rsten, ja so sehr beliebt gemacht hat, daß die nachfolgenden complicirteren Quartette von dieser Liebe zehren konnten. Brahms‘ neue Symphonie leuchtet in gesunder Frische und Klarheit; durchweg faßlich, giebt sie doch ĂŒberall aufzuhorchen und nachzudenken. Allenthalben zeigt sie neue Gedanken und doch nirgends die leidige Tendenz, Neues im Sinne von unerhörtem hervorbringen zu wollen. Dabei kein schielender Blick nach fremden Kunstgebieten, weder verschĂ€mtes noch freches Betteln bei der Poesie oder Malerei – Alles rein musikalisch empfangen und gestaltet, und ebenso rein musikalisch wirkend. Als ein unbesiegbarer Beweis steht dies Werk da, daß man (freilich nicht jedermann) nach Beethoven noch Symphonien schreiben kann, obendrein in den alten Formen, auf den alten Grundmauern. Die Worte, die Friedrich Hebbel einmal an Schumann schrieb, könnten ebenso gut an Brahms gerichtet sein: „Ihre Werke erweitern den Kreis der Musik, ohne ihn zu sprengen, und zwar (wie ich es in meiner Kunst ebenfalls versuche) auf dem Wege grĂ¶ĂŸerer Vertiefung in die gegebenen Elemente.“ Richard Wagner und seine AnhĂ€nger gehen bekanntlich so weit, nicht bloß die Möglichkeit neuer symphonischen Taten nach Beethoven zu leugnen, sonder die Existenz-Berechtigung der reinen Instrumental-Musik ĂŒberhaupt. Die Symphonie sei ĂŒberflĂŒssig geworden, seit Wagner sie in die Oper verpflanzt habe; höchstens Liszts „Symphonische Dichtungen“ in einem Satz und mit bestimmtem poetischen Programme seien lebensfĂ€hig in moderner Musik-Weltanschauung. Wenn solch unsinnige, lediglich fĂŒr den Wagner-Lisztschen Haubedarf aufgestellte Theorie noch einer Widerlegung bedĂŒrfte, es könnte keine glĂ€nzendere geben, als die lange Reihe der Brahmschen Instrumentalwerke und vor allem dessen zweite Symphonie. Der Charakter derselben ließe sich ganz allgemein bezeichnen als ruhige, ebenso milde als mĂ€nnliche Heiterkeit, welche einerseits zum vergnĂŒgten Humor sich belebt, andererseits bis zu nachsinnendem Ernst sich vertieft. Schon der erste Satz, den ohne weitere Einleitung, gleich ein sanftes dunkles Hornthema beginnt, hat etwas Serenadenartiges, eine Stimmung, die noch mehr im Scherzo und Finale hervortritt. Dieser erste Satz, ein Allegro moderato in Dreiviertel-Tact, umspĂŒlt uns wie eine klare melodiöse Welle auf welcher wir, unbeirrt von zwei leicht auftauchenden Mendelssohnschen Reminiscenzen, uns wohlig schaukeln. Der Satz, dessen letzte fĂŒnfzig Tacte in neuer melodiöser Schönheit aufleuchten, folgt ein breites gesangvolles Adagio in H-dur, welches mir in der sinnigen Verarbeitung der Themen bedeutender erscheint, als in den Themen selbst. Auf das Publikums macht es aus diesem Grunde geringere Wirkung, als die ĂŒbrigen drei SĂ€tze. Reizend klingt das Scherzo, ein anmutiges Neigen und Beugen in Menuett-Tempo (Allegretto G-dur), das durch ein flĂŒchtig, wie Funken aufsprĂŒhendes Presto in Zweiviertel-Tact zweimal unterbrochen wird. Das Finale (D-dur, Vierviertel-Tact), etwas belebter aber noch immer behaglich in seiner goldenen Heiterkeit, hĂ€lt sich weit abseits von den stĂŒrmischen Finale-SĂ€tzen moderner Schule; es fließt Mozartsches Blut in seinem Adern. Zu der C-dur-Symphonie von Brahms bildet die in D mehr ein Gegen- als ein SeitenstĂŒck; auch in der Wirkung auf das Publikum. Dieses mochte beim Anhören der ersten Symphonie oft die Empfindung haben, als lese es ein wissenschaftliches Buch voll tiefer philosophischer Gedanken und geheimnißvoller Fernsichten. Brahms‘ Neigung alles zu verschleiern oder abzudĂ€mpfen, was nach „Effekt“ aussehen könnte, machte sich in der C-Symphonie bedenklich geltend; die Hörer vermochten unmöglich all die Motive und Motivtheilchen aufzufassen, welche da bald wie BlĂŒmchen unter dem Schnee schlummern, bald wie ferne Punkte ĂŒber den Wolken schweben. Einen Satz von dem großartigen Pathos des Finales der ersten Symphonie hat die zweite nicht aufzuweisen, dafĂŒr besitzt sie in ihrer einheitlichen FĂ€rbung und sonnigen Klarheit einen nicht zu unterschĂ€tzenden Vorzug von jener. Die vornehme, aber gefĂ€hrliche Kunst, seine Ideen unter polyphonem Gewebe zu verstecken oder contrapunktisch zu durchkreutzen, hat Brahms diesmal glĂŒcklich zurĂŒckgedrĂ€ngt, und erscheint die thematische Verarbeitung hier weniger erstaunlich als dort, so sind doch die Themen selbst fließender, frischer und ihre Entwicklung natĂŒrlicher, durchsichtiger, darum auch wirksamer. Wir können unsere Freude darĂŒber nicht laut genug verkĂŒnden, daß Brahms, nachdem er in seiner ersten Symphonie dem Pathos faustischer SeelenkĂ€mpfe gewaltigen Ausdruck verliehen, nun in seiner zweiten sich der frĂŒhlingsblĂŒhenden Erde wieder zugewendet hat.

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